Kusch

Mit vor Eifrigkeit herausgestreckter Zungenspitze saß Kusch vor seinem Schreibtisch und sortierte die internen Postsendungen säuberlich in die große Aktentasche, die sich beulte wie ein Akkordeon, wenn man sie auseinanderzog mit ihren vielen Fächern. Flink glitten seine Fingerchen über die Papiere, flink  flatterten die Papiere mit leisem Knistern in die vorbestimmten Futterale, im kühlen Dunkel des Lederkoffers. Seine wie immer feuchte Nase tropfte ihm einen häßlichen Fleck auf die weiße Unterlage seines Schreibtisches. Kusch wischte mit dem Jackenärmel darüber, doch verlor er dabei den schnurrenden Rhythmus der Bewegungen, und unbemerkt geriet ein Briefchen falsch.

Kusch!, traf es ihn plötzlich in den Nacken wie ein Schlag, und er duckte sich unwillkürlich darunter hinweg. Kusch! Das saß. Mit einem wichtigen Briefumschlag wedelte ihm jetzt der Chef, vor dem Gesicht herum, rief: unverzüglich!, und: außerordentlich wichtig! Worauf Kusch sich dienlich stramm stellte auf seinen krummen Beinchen, griff sich die Aktentasche, das eilige Dokument und trat seinen Gang an, brav, als tätschelte ihm jemand die Flanke, gegen die die schwere Aktentasche schlug bei jedem Schritt den er tat.

Das jedoch war ausgesprochen lästig, vor allen Dingen bei einer unverzüglich auszurichtenden Angelegenheit, wie die seinige jetzt, die er in der Rechten vor sich hertrug wie einen Kuchenteller. Schon begann er auch zu hecheln, und erneut schnellte die Zungenspitze hervor wie ein Lappen.

Das half. Die Treppe stieg er nun empor, behende wie ein Gamsbock, und geriet geradewegs in einen fremden Gang hinein, der weich ausgelegt war mit einem dicken Teppich. Als er seine Schritte darauf setzte sank er ein, als liefe er auf Moos, und bekam eine seltsame Lust sich zu wälzen auf dem schönen Belag wie ein Köter.

Dann schlug eine Tür auf und eine Dame verlangte bereits nach seinem Briefchen, das er ihr gehorsam vor die Füße legen wollte. Doch sie fing es auf mit ihrer strengen Hand, daß es Kusch durchzuckte und er sich krümmte im Rückgrat und dabei die langen Zähne bleckte. Als die Dame ihre Hand schon zurückzog und sich in das Büro, und Kusch seine Aktentasche zurechtrückte auf der Schulter, und mit gesträubtem Nackenhaar seinen Weg fortsetzte durch die Gänge und Flure des großen Betriebes. Da kannte er sich aus, da fand er immer seinen Weg, und drückte erst einmal eines seiner großen Ohren an die Tür, bevor er einen der Räume dahinter betrat – daß ihm nur niemand das Holz gegen den Kopf knallte. Wenn er die Briefchen dann auf die Schreibtische warf, wo sie hingehörten, legte ihm manchmal jemand seine Hand aufs weiche Haar, und Kusch schmiegte sich dagegen, bis sich seine schönen Augen ins Weiße verdrehten vor Wonne.

Aber eilig, eilig mußte er gleich wieder fort, denn strengstens verboten war es ihm, doch seinen Kopf etwa an den Busen einer  schönen Dame zu betten, die so gut duftete nach Pfirsichen, Zimt und nach Flieder.

Seine Aktentasche war bereits halb geleert und ihm glühten die Wangen vor Stolz, als er jetzt zur Buchhaltung kam und nicht seinen Fehler bemerkte, der ihm am Morgen unterlaufen war mit dem falschen Briefchen. Kusch! Schlug es ihm auch schon entgegen. Kusch! Scharf und bitter, und kaum mehr ducken konnte er sich davor ins Eck. Als der große Zack ihm sein wutschnaubendes Gesicht entgegenstreckte: Fehler! Fehler! Fehler seien ein unverzeihlicher Irrtum! Das müsse ihm doch längst klar geworden sein in seinem borstigen Schädel!, und faßte ihm ins Nackenfell, und zog ihn hoch und schüttelte ihn, daß Kusch kaum wußte wie ihm geschah, nur zu winseln begann: man möge ihm doch verzeihen, und die Zunge hing ihm schon wieder bis zum Kinn heraus vor Schmerzen.

Als Zack ihn schließlich fallenließ wie einen Haufen, und es Kusch nur mühsam gelang seine Kleidung zu ordnen, glatt zu streichen mit der Hand, das Haar und die zerknautschten Ohren.

Davon, davon schnürte er nun mit kleinen, schnellen Schritten durch die Treppenhäuser und über Stiegen und auf den Hof hinaus, wo in einem der Nebengebäude längst der wahre Empfänger des falschen Briefchens auf ihn wartete.

Ein eisiger Wind pfiff scharf von vorn, und unaufhörlich tropfte es ihm von der kalten Nase herab, vor die Füße, in den Schnee. Auch rieb ihm der Gurt der Aktentasche schmerzend auf der traktierten Nackenhaut. Als Kusch seinen Blick gegen das Firmament richtete, wo heute früh der Mond am blanken Himmel stand, der volle Mond, ganz weiß und zart. Da konnte nicht anders und warf den Kopf zurück, weit in den Nacken, und rief laut seine Klage gegen das hohe Gewölbe, daß seine Rufe sich brachen zu vielfachen Echos, die in den Schluchten der hohen Gebäude wiederhallten, wie ein wehmütiges Klagen. Bis sie schließlich verebbten, und sich erneut die demütige Stille über das weite Gelände des Industriebetriebes legte. Nur die Spuren der Kratzfüße die Kusch dann und wann hinterließ im Schnee blieben noch eine Weile sichtbar im frostigen Weiß, dann trug sie der Wind davon, im schönen, ruhigen Gleichmaß seiner kalten Böen.

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