Der Brief

Schon beim Aufwachen hatte sie das unbestimmte Gefühl gehabt, daß heute etwas geschehen würde. Die Haare strich sie sich aus dem Gesicht und flüsterte: Ich glaube! Ich glaube! Etwas wird geschehen heute!

Jetzt saß Gella mit zwischen die Knie geklemmten schwitzigen Händen, in denen ein Briefchen steckte, und schaukelte mit der Straßenbahn in Richtung Nordstadt. Das Briefchen hatte sie am Morgen aus dem Postkasten gezogen, mit einem kartonierten Zettelchen, worauf Gella die nötigsten Angaben las, um sie an den vorschriftsmäßigen Ort zu bestellen, heute noch, die Angelegenheit lasse keine Verzögerung zu, was Gella, wie gesagt, bereits seit Tagen geahnt hatte, und dann gleich das Kind für die Tagesstätte fertigmachte, bat, es doch über den Nachmittag dort zu behalten, heute und ausnahmsweise, und ihre Lippen drückte sie ihm noch zum Abschied aufs Haar, das nach Talg roch und etwas säuerlich wie alter Schweiß. Weil die Erzieherinnen das wußten, nahmen sie das Kind nicht gern, besonders nicht bei der Hand, die immer schmutzig war und Rotz und Spucke klebten daran. Aber eilig war die Mutter fort, und das Kind saß bereits unter der Bank mit einem Spielzeug im Arm.

Das Briefchen in Gellas Händen war zerdrückt und speckig vom vielen Lesen, was nötig war, um die Angaben auswendig zu wissen, falls sie es verlöre, in der Bahn vielleicht, in der es voll war und die Scheiben beschlagen von den feuchten Ausdünstungen der Passagiere.

Mit dem Jackenärmel wischte sie ein kreisrundes Sichtfenster in den Dunst, durch das sie hinausblickte, und sah, wie schnell die Welt an ihr vorbeizog, und überall Bewegung war, selbst die Spiegelungen in den dunklen Fenstern der Gebäude waren rutschig und blaß, wie ein Ölfilm, der sich gleitend auf einer Pfütze verschiebt.

Gebäude B, Schalter 186, 10.30 Uhr, flüstere Gella, und lehnte ihre hitzige Wange gegen die kühle Scheibe. Das Briefchen war amtlich, Gella drückte es jetzt so fest zwischen den Händen, die Knie gegeneinander, daß sie zu zittern begann.

In einer luftigen, gläsernen Halle dann kam die Bahn zum Stand. Vorgetäuschte Harmlosigkeit, wußte Gella, und sah, daß die Menschen, die mit ihr ausstiegen, allesamt Briefchen bei sich trugen. Die meisten hielten es, wie sie, gleich in der Hand, und ihre Lippen bewegten sich unentwegt, flüsternd, flüsternd durch die breite Eingangstür, die wuchtig war und aus dunklem Stein, weiter den langen Gang entlang, wo die an den Wänden angebrachten Schilder die verschiedenen Richtungen mit Pfeilen anzeigten, weshalb die Menge sich bald schon teilte in Nebenströme und Nebenströme, abzweigende Flure, in die durch schmale Fenster graues Regenlicht hereinsickerte.

Grau wie der Tag am Meer, erinnerte sich Gella, erinnerte sich an ein Meer jenseits des Deiches, das wie aus Samt war, und das Haar des Kindes hatte nach Wind gerochen und nach Steinen, als sie die Sehnsucht würgte im Hals wie ein Durst. Da ist sie einfach in den Zug gestiegen, mit dem Kind an der Hand, einer Hand, die immer ein wenig schmutzig ist, gleich nach dem Waschen ist sie bereits wieder schmutzig, und der Dreck im Treppenhaus ist schon so festgetreten, daß er regelrecht klebt am Holz der Stiegen, des Geländers.

Eine niedrige Plexiglastür zog sich zurück, und Gella trat in den weiten hellen Raum des Gebäudes B ein. Durch die Mitte des Raumes zogen sich mehrere Reihen von Schaltertischen, die numerisch angeordnet waren. In die Wände waren Bänke aus Metall geschraubt, auf denen die Menschen warteten, das Briefchen lag auf ihren Knien, und sie bewegten ihre Lippen, lautlos. Gella sah, daß einem sehr jungen Mann der weiße Zipfel eines Briefchens keck aus der Brustasche seines Hemdes ragte. Solch eine Ahnungslosigkeit kann gefährlich werden, wußte sie, als die Tafel des Schalters 186 anzeigte, daß für den Termin um 10.30 Uhr aufgerufen wurde. Augenblicklich erhoben sich die Menschen von den Bänken und drängen nach vorne, dem Schaltertisch zu.

Wie ein Durst, dachte Gella, das war wie ein Durst, und da standen wir dann auf der Krone des Deiches in den salzigen Böen, in den Kinder knatternd ihre Drachen hielten, und die Gischt spritzte in Fontänen durch die Fugen der Stege, als die Flut landeinwärts trieb in heftigen Stößen.

Vor Gella in der Reihe stand eine sehr knochige Frau. Die Schulterblätter zeichneten sich ab unter der dünnen Jacke, während sie trippelte auf der Stelle, und flüsterte ihren Namen, immer wieder, als fürchtete sie, ihn gleich nicht mehr aufsagen zu können.

Der Tisch des Schalters war so hoch angebracht, daß Gella sich auf die Zehenspitzen recken mußte. Die Dame dahinter, in dunkler Uniform wie ein Ordnungsbeamter, nahm ihr das kartonierte Zettelchen ab, ließ sich die Angaben mündlich bestätigen. Das Alter des Kindes!?, und da dachte Gella daran, wie klein es noch war, wie ein Vögelchen, sagte sie, und die winzigen Ärmchen hatte es ausgebreitet am Meer, als wollte es sich in die Luft werfen gleich einer Schwalbe.

Währenddessen hatte die Dame Gellas Angaben in ein Bildschirmformular übertragen, zog ein Kärtchen aus dem Drucker, reichte es hinüber, mit einer andeutenden Geste in eine Richtung, die Gella nun einnehmen müsse, gleich das Kärtchen in einen Automaten schieben und durch das Drehkreuz laufen, in einen anderen Gang hinein, der wieder lang war und mit Regenlicht.

Gang F, Zimmer 75, las Gella die Anweisungen des Kärtchens, das sie unaufhörlich rollte in ihren Händen, das sie beinahe anstößig fand mit seinen fetten, roten Zahlen, unangenehm, ein Fremdkörper in ihrer Hand. Die Metallstreben des nächsten Drehkreuzes stießen ihr hart gegen die Hüften und rasteten dann mit einem dumpfen Klack hinter ihr ein. Das war ein Zeichen, und sie blickte auf die Uhr: 10.25. Gella durchquerte einen schmalen, aber hohen Raum, mit Spiegelglas an einer der Längsseiten und poliertem Steinboden, daß ihre Schuhe darauf quietschende Geräusche machten bei jedem Schritt. Gella beobachtete sich beim Laufen in der Spiegelwand. Eitel wär ich auch noch auf dem Weg zum Schafott!, dachte sie, und spürte etwas Metallisches auf der Zunge, als schmeckte sie Blut, denn sie wußte, daß man sie beobachtete.

Daß sie sich all das hätte ersparen können, fiel ihr zu spät ein. Aber Tage hätte der Antrag auf dem Schreibtisch des für sie zuständigen Beamten gelegen, während sich Gella in verschwitzten Laken wälzte und träumte von einem gelben Himmel über einem gelben Meer, in das sie eintauschte, und unzählige, silberhelle Atembläschen perlten hinauf zum Sonnenlicht, und der Beamte würde lesen: Sehnsucht!, und würde sie nicht finden in seine Paragraphen, daß Gella hätte daheim bleiben müssen mit dem Kind, das nur in seinem Käfig flattern würde mit verkrüppelten Armschwingen, die es nie wieder hätte ausbreiten können im salzigen Wind.

Am Ende des Raumes gingen zwei Gänge ab, E und F, und Gella ordnete sich ein. Sie geriet auf ein Laufband, das sie mit sich trug, und als sie wagte, gleichzeitig darauf zu laufen, fühlte sie sich auf einmal so leicht, wie eine Ahnung von Glück, und da glaubte sie sich einen Moment allem überlegen, als das Band abrupt endete, und Gella sah, daß der Gang noch weiterging, und ihr Gewicht verdoppelte sich augenblicklich.

Es war spät, jetzt rannte Gella. Wie schnell ihr Herz schon schlug und ihr Atem. Eine Treppe führte hinunter in einen Keller, wo sich dicke Heizungsrohre an der Decke entlangstreckten, und Türen, mit Nummern darauf Welch eine Erleichterung wird es doch sein!, und mit einem tiefen Atemzug griff sie die Klinke. Seltsam warm fühlte sich das Metall an, als hätte es noch vor kurzem eine Hand gehalten, und Gella spürte ein Zusammengehörigkeitsgefühl, als wäre sie gleich in Sicherheit.

Der Raum hinter der Tür war kahl unter Neonlicht. Jetzt schnappte die Tür hinter Gella zu, und daß die Klinke fehlte von innen, war nur mehr ein Detail, das zu all dem paßte. Ein hölzerner Klappstuhl, den man gerade erst aufgestellt haben mochte, mitten in den Raum, wie für ein Schauspiel. Ein Stuhl für

Gella, auf den sie sich setzte.

Sie dachte an das Kind und daran, wie arglos es gewesen war, daß Gella es einen Moment darum beneidet hatte, wie es immer im letzten Moment vor den Wellen davonsprang, die Schwapp um Schwapp das Ufer fraßen, mit langen, schaumigen Zungen.

Still war es, still. Und Gella warf einen Blick durch das vergitterte, schmale Oberlicht, wo Menschen liefen, die nur bis zu den Knien sichtbar waren.

Such mir eine Muschel, einen Stein!, hatte das Kind gerufen, wie selbstverständliche Wünsche, und Gella war in die Hocke gesunken, und das Meer war eiskalt über ihre Hände geflossen, fand eine Muschel, einen Stein.

Still war es, still, nur das Rauschen ihres eigenen Blutes, ein Rauschen, als hörte sie einer Brandung zu, den schaumigen Wellen, die gegen den Strand schlagen und wieder zurückweichen, ein an- und abschwellendes Geräusch, ein Rhythmus, und der Geruch nach Wind und nach Steinen

Plötzlich auf dem Gang der harte Klang von Schritten auf dem Betonboden. Gella drückte ihren Rücken fest gegen die Lehne des Stuhls. Dann entfernten sich Schritte, langsam, und verhallten schließlich irgendwo in den fernen Gängen des Gebäudes, bis Gella sie nicht mehr hören konnte

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.