Blau

Auch wenn die digitale Anzeige meiner Armbanduhr im selben Blau leuchtete wie immer, auch wenn ich mit einem kleinen festen Ruck den Ärmel über das freigelegte Handgelenk zurückzog wie immer, etwas war doch anders. Denn ich hatte meine Sprache verloren. Ich merkte es sofort, weil mir statt eines schönen, vibrierenden Konsonanten lediglich ein unangenehm pfeffriger Geschmack die Kehle hochstieg, als ich versuchte zu sagen: Dreiunddreißig. Sieben Uhr dreiunddreißig. Ich begann zu würgen, ich riß meinen Mund auf in der frostkalten Morgenluft. Nichts sagte ich. Das D war mir noch halbwegs gelungen, ein kleines, weißes Dampfwölkchen, das R aber wollte nicht heraus, nur heiß und kratzig wurde mir davon der ganze Mundraum, und auch die Augen begannen schon zu tränen. Die Passantin, eine junge Frau mit Spitzmausgesicht, blieb mit ihrer unbeantworteten Frage allein. Unhöflich, wird sie wohl später von mir erzählen, frech geradezu, und hat seinen Mund so abscheulich schief verzogen, als wollte er mir eine böse Fratze zeigen. Ich aber kauerte bereits vor dem Seitenspiegel eines postgelben Fiat Punto, und hielt prüfend meine Gesichtszüge hinein. Dünn wie Striche waren meine Lippen, blaß, ich zog sie einen Spalt auseinander, steckte die Zungenspitze hindurch, ich grimmassierte breit und bleckte dabei die Zähne, ich öffnete den Mund vollständig und blickte in das schwarze Loch meines Rachens.

Sehr ärgerlich, dachte ich jetzt bei mir, hätte sich mein Mißgeschick nicht noch bis morgen aufhalten lassen. Ausgesprochen ungünstig war es doch heute. Morgen vielleicht hätte ich es irgendwie hinnehmen können, dann wäre die Sache erledigt, immerhin. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt! Meine Verabredung mit Zaubermaus31 war für den heutigen Abend vorbereitet, eine Internetbekanntschaft, wie leicht so etwas doch vonstatten geht. Das Foto war vielversprechend, sehr apart. Was aber würde es für einen Eindruck machen, wenn ich während des Rendezvous beständig nur Zischlaute von mir gäbe! Taktlos wäre das! Peinlich geradezu! Ich trat jetzt noch näher an den Spiegel heran. Als mir plötzlich jemand die Worte: Hallo, Sie! in den Rücken stieß, daß ich zusammenzuckte. Was machen Sie da an dem Auto?! setzte er nach, ein kleiner Kläffer, und ich rief: Scheren Sie sich doch um Ihre eigenen Sachen! Machte: Schschsch!, blies dabei eine ganze Wolke weißen Rauch, und hatte ein Gefühl im Mund, als hätte ich auf ein Stück Watte gebissen. Das Geräusch, das ich von mir gab, während ich so in Dampf gehüllt darkniete, mußte geradezu fürchterlich gewesen sein, denn der Zurufer wendete sich abrupt zur Flucht, rannte, glitt dabei fast aus auf dem eisverkrusteten Gehsteig. Der Gedanke, er werde nun marsch der Polizei Meldung über den Autodieb mit schäumendem Gesichtsausdruck und aggressiv vorgerecktem Kinn geben, amüsierte mich seltsam, daß ich jetzt aus der Hocke hochkam, meine Schritte rhythmisch voreinander setzte, überschwenglich, hüpfend beinahe. Ich pfiff. Kristallklar perlten die Töne von meinen Lippen, was mich geradewegs ermutigte zu: Big noise…, playing in the street gonna be a big man someday…, rief: Iauh!, wie eine winselnde Katze, und zog unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern, als fürchtete ich einen schmerzenden Fußtritt. Seifig war mein Gaumen, die Zunge hing wie ein Lappen zwischen den Schleimhautfalten des Mundbodens.

Schon gestern Nacht hatte es ja angefangen, schon da hätte ich doch eigentlich mißtrauisch werden müssen. Gerne liege ich noch ein wenig wach im Bett und lasse meinen Gedanken freien Lauf, lasse sie assoziieren sozusagen, daß Bilder vor meinen Augen heranschwappen, sich überlagern, sanft, wie die Wellen am Ufer eines Meeres, bevor ich dann einschlafe, glücklich. Aber in der Nacht hatte ich beim Sodaliegen nur das Gefühl, als zerfaserte jeder meiner Gedanken augenblicklich, dissoziierte, und schäumte blasig, wie salzige Gischt. Ich war sehr unruhig. In der Nacht dann träumte ich nichts, doch auch das war mir noch nicht verdächtig gewesen. Und als ich am Morgen meinen Rachen schleimig belegt spürte, glaubte ich lediglich an eine beginnende Halsentzündung, träufelte Teebaumöl in ein Wasserglas und gurgelte mit der scharfen Lösung.

Ich durfte nicht auffallen. Jetzt durfte ich auf keinen Fall auffallen. In der Bäckerei, in der ich mir wie jeden Morgen ein mit Käse belegtes Baguette für das zweite Frühstück kaufte, entfuhr mir versehentlich ein kleines quiekendes I, als ich mit dem Finger auf die Auslage deutete. Ein vorgetäuschter Hustenanfall sollte mir aus meiner Verlegenheit helfen, doch die Verkäuferin, die mich natürlich kannte, blieb mißtrauisch, ich merkte es an der Art, wie sie mir die Brötchentüte über den Ladentisch reichte. Um weitere Zwischenfälle zu vermeiden, vermummte ich mich mit meinem Schal, zog ihn bis über die Nase, und lief so den Rest des Weges, passierte die Pförtnerloge, kopfnickend, zog den Schal nicht ab im Treppenhaus.

Hinter dem Garderobenschrank war es dämmrig. Die dort aufgehängten Mäntel und Jacken verdeckten das kleine Fenster halb. Ich hänge meine Sachen ordnungsgemäß auf einen der Bügel. Mein Gesicht im Spiegel blieb die Andeutung eines ovalen Umrisses. Ich glättete das Haar mit der Hand, und trat hervor. Das Geräusch, das der Automat beim Einschieben der Stempelkarte machte, schien mir lauter als sonst, verfänglich, ich schlug das Revers meiner Strickjacke dämpfend darüber.

Vor der Glastür des Großraumbüros zögerte ich, blickte in die Weite des Zimmers. Die Schreibtische meiner Abteilung standen wohlgeordnet unter strähnigen Neonlicht. Ich versuchte einen Gruß. Da ich festgestellt hatte, daß mir die Artikulation der Vokale noch recht gut gelang, entschied ich mich für: Hallo, hoffte, es würde nicht auffallen, daß ich die Konsonanten dabei verschluckte, vielleicht mit der Hand vor dem Mund, als würde ich gleich zu niesen beginnen, sprach ein schadenfreudiges: Ha!

Vor einem halben Jahr war es Molkte gewesen, der eines morgens das Abteilungsbüro betrat, rief: Gtggggtgtgt!, was wohl guten Morgen heißen sollte. Wie eine stolzierende Taube rucke er dabei mit dem Kopf, vor und zurück

Ungehörig! äußerten sich die Kollegen dazu, taktlos, ihnen so alberte Wortfetzen entgegenzuwerfen! Als geradezu provokant empfanden sie sein Gestammel, und ich muß zugeben, mir erging es nicht anders. Wenn er vor mir stand und machte: Rkrrrrrr!, wollte sagen, Reker, was mein Name ist, doch es klang, als riebe man mit einer Feile über ein Stück Metall, ein Geräusch, das mir schon nach kurzer Zeit geradezu Schmerzen am Trommelfell verursachte.

Erst rückte man seinen Schreibtisch ein wenig zur Seite, ein wenig nach hinten, schob ihn bald ganz an die Wand, daß sein Blick genau vor den ockerfarbenen Anstrich knallte. Als dies noch immer nichts half gegen sein Rkrrrrr, stellte man sein Möbel ganz auf den Flur. Da sich aber schon bald der ein oder andere, über die Gänge und Treppen schreitende Geschäftskunde über ihn beschwerte, über die Grunzlaute, die er ständig von sich gab, brachte man ihn schließlich in den Keller, hinter die schwere Eisentür des Aktenarchivs. Aus den Augen aus dem Sinn, aber dachen die Kollegen, und vergaßen ihn beinahe augenblicklich.

Dann lief ich ihm einmal über den Weg, als ich zur Abkürzung den Hinterausgang des Kellers benutzte, erkannte ihn kaum wieder in seinem grauen Kittel, grau der ganze Mensch eigentlich. Herr Molkte! sprach ich ihn an, wie geht es Ihnen denn, Herr Moltke? Ich lächelte ihm sogar aufmunternd zu. Dermaßen aber erschrak er über meine Ansprache, drückte sich ganz an die Wand heran, als wollte er sich davor unsichtbar machen. Ich glaube, er schämte sich.

Aber wieviel mehr Möglichkeiten als ich hatte er doch mit seinen verbleibenden Konsonanten!

Mein Verharren vor der Glastür war verdächtig, ich drückte sie auf. Das Himbeeraroma, das mir entgegenschlug, entströmte dem Kopierer, der in der Nische neben dem Faxgerät stand. Ich trat heran und riß die Papiere aus dem Gerät, verdeckte mein Gesicht halb dahinter. Während ich den Gang zwischen den Schreibtischen entlanglief, hatte ich wie gedankenverloren die Papiere zu einer Wurst gerollt, und war mir mit der Papierwurst beständig über die Lippen gefahren, die ganz ausgetrocknet waren, weil ich sie zusammenkniff, damit mir versehentlich kein Laut entfuhr. Still war es im Büro, still. Nur die Rechenmaschinen schnurrten leise, und ab und an ein Flüstern hinter den Schreibtischen. Ich setzte mich an meinen Platz, entrollte die Papiere, die bereits etwas ausgefasert waren an den Rändern, und glättete sie. In dem Schnurren, das mich umgab, fühlte ich mich aufgehoben, eingehüllt, ich entspannte mich. Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück und betätigte jetzt mein eigenes Maschinchen, fuhr mit den Fingern über die Tasten, als kraulte ich ein junges Kätzchen hinter den Ohren.

Bis zur Mittagszeit arbeitete ich ungestört, kein Telefon läutete, kein Kollege trat an meinen Tisch, um sein Anliegen vorzutragen, ich fühlte mich in Sicherheit. Bereits glaube ich, so auch den Rest des Tages verborgen zu bleiben. Da setzte es plötzlich ein. Das allmittägliche Ritual. Eine Unruhe begann sich auszubreiten zwischen den Schreibtischen, grollte heran, heftig, wie eine herbstliche Bö, erreichte auch mich, daß ich mein Maschinchen still stehen ließ. Mahlzeit! Wie Echos schallte es von überall her. Mahlzeit! Kleine Knallkügelchen, die man gegen mich schoß, übermächtig, daß ich mich ergab, rief: Mahlzeit!, rief: Aiiiii! Und mein ganzer Mund schwoll dabei an.

Ganz hinein in den Garderobenschrank hatte man meine Möbel geschoben, wortlos. Drei Kollegen waren notwendig gewesen, zwei für den Tisch, einer für den Stuhl, ich selbst hielt die Glastür auf. Protest hielt ich für unangebracht, denn im Grunde genommen sah ich es ja ein, daß in der Gemeinschaft des Großraumbüros kein Platz mehr für mich war.

Tief in den Falten eines lindgrünen Damenmantels hatte ich mich eingerichtet, leichter Lavendelduft, sehr angenehm. Auch mein Maschinchen schnurrte einwandfrei, fraß Papier, verdaute. Mit der Hand strich ich mir über das Haar. Damit werde ich mich wohl nun abfinden müssen, dachte ich jetzt. Ich blickte auf die Armbanduhr. Die digitale Anzeige leuchtete blau.

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